Berlin im März 2017.

Ok, November, Dezember und Januar sind endlich durch. Und jetzt? Stillstand. Auf dem Sofa meiner Mutter sitzend, trinke ich einen Café und sehe mir Immobilienangebote im Internet an, während im Hintergrund auf einem der Nachrichtenkanäle Donald Trump den Rest der Welt über seine neuesten Pläne für die amerikanische Außenpolitik in Kenntnis setzt. Normalerweise lese ich seriöse Nachrichten in Wirtschaftszeitungen auf der sonnenüberfluteten Terrasse irgendeines Cafés im Zentrum irgendeiner von Touristen überranten Küstenstadt. Aber die Zeiten haben sich geändert. Wenn ich den Blick jetzt vom Bildschirm meines Rechners hebe, sehe ich nur die nassglänzenden Dächer und Fassaden der angrenzenden Nachbarhäuser hinter denen sich der matt grau gestreifte Horizont des Berliner Märzhimmels ins Unendliche zu erstrecken scheint. Eine Schicht Wolken schiebt sich vor die nächste, etwas hellere Wolkenschicht und immer so weiter.

Die letzte Ebene der sich mir zeigenden Großstadtkulisse hebt sich jedoch hervor durch die vertikal aufragende, dunkle Silhouette des Steglitzer Kreisels, eines Gebäudekomplexes aus den Siebzigern, dessen knapp 119 Meter hohes Verwaltungsgebäude seit 2007 leer steht und das mit seinen 30 Etagen seitdem den rostigen Rahmen für zahlreiche Projektentwürfe und gescheiterte Bauvorhaben bietet. Und das Land Berlin jährlich allein in der Bewirtschaftung mehr als 700.000 Euro kostet1 (nicht enthalten in dieser Rechnung sind die Opportunitätskosten für die Grundfläche der Immobilie).

In einer meiner recherchierten Quellen, ein am 02.12.2010 von der Berliner Morgenpost veröffentlichter Artikel, wird berichtet, dass die eigentlich für 2010/11 geplante Sanierung aufgrund der damaligen Wirtschafts- und Finanzverhältnisse des Landes Berlin um fünf Jahre verschoben wurde2. Heute ist der 7. März 2017 und der Steglitzer Kreisel erinnert nach wie vor an das leblose Exoskelett eines auf irgendeinem Fensterbrett einstaubenden Insektes, das ein kurzes, unbehagliches Gefühl beim Betrachter auslöst, der, um das unangenehme Bild loszuwerden, schnell wegschaut. Aber vorher streifen vielleicht noch folgende Fragen sein Bewusstsein: Wer hat an diesem Malheur vorbeigewischt? Wird da überhaupt noch geputzt?

Das Fensterbrett hat darum noch Hoffnung, weil es (hoffentlich) zu einer bewohnten Wohnung gehört, für deren Reinigung sich der oder die Bewohner verantwortlich fühlen. Wenn das Fensterbrett allerdings Pech hat, gehört es zu den Räumlichkeiten einer Wohngemeinschaft -jeder, der schon einmal in einer WG gewohnt hat, kennt die gelegentlich entstehende Verwirrung, die durch Reinigungszuständigkeiten verursacht werden können. Es gibt dann zwei Möglichkeiten: entweder man diskutiert das Thema aus (unbequem aber effizient) oder man lässt es einfach sein. Die letzte Option erspart zwar Diskussionen, führt aber dazu, dass der Wohnbereich aller Wahrscheinlichkeit nach verdreckt und der gepflegtere Teil der Bewohner früher oder später auszieht3. Leider reagieren viele Entscheidungsträger aus der Politik häufig wie neutrale Beobachter auf solche Missstände, denn sie anzugehen beinhaltet hohe Risiken und ist bei geringen Erfolgschancen nicht prestigeträchtig.

Recherchiert man noch ein bisschen weiter in die Vergangenheit erfährt man, dass die Fertigstellung der Sanierung mit einem Totalbudget von 16 Millionen Euro für das Jahr 2009 eingeplant wurde. Danach sollte das Gebäude, seit 2007 im Besitz des Landes Berlin (auch das Unternehmen Becker & Kries ist anteiliger Miteigentümer), an einen solventen Investor veräußert werden4;5. Inzwischen hat der Senat dem Erwerb des Kreisels durch eine Investoren Gruppe zugestimmt, die auf ihrer Homepage angibt, diesen Monat (März 2017) die Bauausführung zum Zweck der Einrichtung von 270 Wohneinheiten einzuleiten. Geplante Fertigstellung: Dezember 20196.

Inzwischen hat sich hinter dem Kreisel ein heller Streifen am Horizont gebildet. „Cave Idus Martias“ hatte der Augur Titus Vestricius Spurinna Caesar 44 vor unserer Zeitrechnung einst gewarnt. Aber vielleicht sind die Iden des März doch nur ein Mythos und dieser Monat erschließt neue Perspektiven. Und das nicht nur in meteorologischer Hinsicht.

 

Quellennachweise:

1 Katrin Lange und Brigitte Schmiemann: Steglitzer Kreisel kostet jährlich mehr als 700.000 Euro. In: http://www.morgenpost.de/. Veröffentlicht am 19.05.2012, abgerufen am 07.03.2017

http://www.morgenpost.de/berlin/article106218214/Steglitzer-Kreisel-kostet-jaehrlich-mehr-als-700-000-Euro.html

2 Gilbert Schomaker: Asbest-Sanierung soll 31 Milliarden Euro kosten. In: http://www.morgenpost.de/. Veröffentlicht am 02.12.2010, abgerufen am 07.03.2017

http://www.morgenpost.de/berlin/article104930661/Asbest-Sanierung-soll-31-Millionen-Euro-kosten.html

3 Es gibt ein 1982 durch die Chicagoer Schule von Clifford R. Shaw entwickeltes Konzept: die „Broken-Windows-Theory“ stellt die theoretische Grundlage für viele kriminalpräventive Maßnahmen und geht davon aus, dass ein relativ harmloses unerwünschtes Phänomen um sich greifen und zur vollständigen Verwahrlosung der angrenzenden Bereiche führen kann (siehe hierzu: https://de.wikipedia.org/wiki/Broken-Windows-Theorie). Auch die Chaos-Theorie geht auf der Grundlage der mathematischen Physik davon aus, dass die einem dynamischen System zugrundeliegende Ordnung deterministisch ist. Obwohl das nicht die zentrale Aussage der Chaos-Theorie ist, gibt es hier durchaus ein paar Parallelen zur Logik der Broken-Windows-Theorie die uns gewissermaßen mahnt, an roten Ampeln anzuhalten und uns unbedingt an den nächsten Wahlen zu beteiligen.

4 Matthias Berner: Der Kreisel ist geschlossen. In: http://www.morgenpost.de/. Veröffentlicht am: 04.11.2007, abgerufen am 07.03.2017

http://www.morgenpost.de/incoming/article102211565/Der-Kreisel-ist-geschlossen.html

5 Ulrich Zawatka-Gerlach: Asbestsanierung zieht sich, Wohnungen gibt’s erst mal nicht. In: tagesspiegel.de. Veröffentlicht am: 30.07.2014, abgerufen am 07.03.2017

http://www.tagesspiegel.de/berlin/steglitzer-kreisel-bleibt-leer-asbestsanierung-zieht-sich-wohnungen-gibts-erstmal-nicht/10266350.html

6 CG Gruppe: Steglitzer Kreisel.

https://www.cg-gruppe.de/immobilien/projekte/in-vorbereitung/wahrzeichen-mit-besten-aussichten-wohnprojekt-city-tower,-berlin/527

 

 

 

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