Zahnarztbesuche

Gleich Zahnarzttermin. Ein Implantat ist vorgesehen als Ersatz für einen Zahn, der mir Mitte Juli 2014 vom Kollegen eines befreundeten Zahnarztes in Tel Aviv gezogen worden war. Damals lebte ich in einer Wohnung im obersten Stockwerk eines im westlichen Zentrum Tel Avivs gelegenen Apartmenthauses. Im Sommer hatte ich Aussicht auf den sehr beliebten Jerusalem Beach, im Winter allerdings war die Wohnung sehr kalt und durch ihre maroden Fenster, die in den heißen Monaten ständig offen standen, kaum isoliert. Auch jetzt, im Juli 2014, da die Tage und Nächte oft durch das Geheul von Sirenen und lauten Knallen erschüttert wurden, und die meisten Touristen die Stadt von einer Woche zur nächsten verlassen hatten, war mein eher dem äußeren als dem inneren Geschehen zugewandtes Domizil, das kaum einen anderen Komfort als seine Aussicht und Strandnähe bot, eher von Nachteil. Irgendwann hatte ich begonnen, die Sirenen, die alle, die sie hörten, schrill dazu aufforderten unweigerlich Schutz im nächstgelegenen Luftschutzkeller zu suchen (Theorie), zu ignorieren. Das war passiert nachdem mich eines Abends die Sirenen unter der Dusche erwischt hatten und ich mich nicht dazu entschließen wollte, mein knappes Badetuch zu greifen um mich notdürftig zu bedecken und in den Hausflur in eine der unteren Etagen zu den restlichen Nachbarn zu flüchten (einen Luftschutzkeller hatte unser Haus wie so viele andere Gebäude nicht: Praxis).

Vorher war ich regelmäßig die Treppen herunter gehastet um kurz darauf in die verängstigten Gesichter erwachsener Männer und Frauen zuschauen, die sich im Korridor des in den Siebzigern errichteten Hauses dicht beieinander gestellt hatten und darauf warteten, dass die Sirenen endlich verstummten und sie zurückkehren konnten in ihre jetzt leeren Wohnzimmer in denen noch immer die Nachrichten auf den Plasmafernsehern liefen. Einige meiner Nachbarn sprachen kein Englisch, was es sehr schwierig machte sich zu verständigen. Aber was wollte man auch sagen? „Schön, dass ihr da seid“ oder „Bestimmt ist das alles bald wieder vorbei“ und “Wird schon alles wieder gut”? Aber wir lächelten einander nur stumm zu. Und warteten.

Existenzen, die ansonsten individuell verschieden waren und deren Wege sich wenn überhaupt nur kurz und zufällig kreuzten, hatten sich plötzlich und völlig unvorbereitet in ein und derselben Situation wiedergefunden: Jeder von uns lebte seit ein paar Tagen unter einem Himmel, der gelegentlich Raketen spukte und zu einer Bedrohung geworden war vor der wir Schutz suchen mussten und der einander ansonsten fremde Menschen in einer fast unwirklich anmutenden und dennoch sehr intimen Atmosphäre zusammengeführt hatte.

Damals hatte ich keinen Fernseher und wurde nur von meinen Freunden über die neuesten politischen Entwicklungen informiert, was meine Situation noch unbequemer machte. Andererseits war es ohnehin nicht meine Absicht, mich ständig von den Nachrichten überfluten zu lassen.

Aber dieser Umstand änderte nichts an der Tatsache, dass ich eine dicke Backe hatte und mir ein Molar gezogen werden musste. Beim ersten Mal hatte ich mich nach der Narkose vom Behandlungsstuhl heruntergewunden und mich geweigert, die Behandlung fortzuführen. Ein bewaffneter Konflikt ist schlimm und einen Zahn gezogen zu bekommen ist es irgendwie auch, denn beides hat etwas Unwiderrufliches an sich. Und in dieser Situation ein paar Tage in meiner Dachwohnung auszuharren um solchen Gedanken nachzuhängen wollte ich auch nicht.

Doch nach einer Woche mit Zahnschmerzen und dem sporadischen Geheul der Sirenen unter meinem Riffeldach holte mich Schlomo ab und wir fuhren zum zweiten Mal in die Zahnarztpraxis (zu deren Inventar aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen auch ein Solarium zählte) eines für die Implantate zuständigen Kollegen der mich endlich von dem entzündeten Backenzahn befreite. Damals wurde zwar auch gleich ein Implantat eingesetzt, aber aufgrund der noch nicht abgeheilten Entzündung war es nicht stabil und wurde vor ein paar Monaten von meinem behandelnden Zahnarzt in Berlin mit einer Zange und zwei Rucken entfernt. In einer Stunde soll ein neues Implantat gesetzt werden und am liebsten würde ich den Termin absagen.

Ein paar Stunden ist es jetzt her, dass der Eingriff vorgenommen wurde. Unangenehm aber durchaus nicht unerträglich, da von sehr kurzer Dauer: „Geht’s noch, Frau Körfer?“ wurde ich zwischendurch immer wieder von einer der beiden attraktiven Assistentinnen gefragt (die eine ist blond, die andere asiatisch, beide so Ende Zwanzig und sehr nett) „Ja, Danke!“ Was soll ich auch sagen? Das es NICHT mehr geht und ich mich jetzt lieber auf den Malediven mit ein paar Freunden in der Sonne räkeln würde? Aber die Worte der Zahnarzthelferin verfehlen die beabsichtigte Wirkung nicht und ich fühle mich gleich ein bisschen entspannter. Mein Zahnarzt nuschelt irgendwas von Knochensplittern die er mir gleich einsetzen will (so genau will ich es gar nicht wissen) und ich denke daran, dass ich mir schon längst einen Organspenderausweis hatte ausstellen lassen wollen (tatsächlich kann man sich die einfach selbst ausdrucken, der Link ist: http://www.organspendeausweis.org/).

Und während ich so ausgestreckt auf dem Behandlungstisch liege und den energischen Druck des Bohrers in meinem Kiefer fühle und mich wider mal auf die Malediven wünsche, beobachte ich meinen Zahnarzt dem buchstäblich der Schweiß auf der Stirn steht. Er, ein Mittvierziger, mit blonden, kurzgeschnittenen Haaren und aufmerksamen, hellblauen Augen, trägt eine Schutzbrille aus Plastik (deren Anblick ich wegen des meinen offenen Mund reflektierenden Spiegelung meide) und Mundschutz. Nur seine in tiefe Falten gelegte Stirn ist unbedeckt und während er sich mit beiden Händen an meiner Mandibula zu schaffen macht, sehe ich, wie sich langsam ein Schweißtropfen von seiner Stirn löst und in meinen weit geöffneten Mund zu fallen droht.

Es ist eine Situation deren Risiken ich sehr rasch abwägen muss: will ich tatsächlich einen Mann, der einen Bohrer, dessen Schneide in meinem Kieferknochen rotiert, in seiner Hand hält, aus einem Impuls heraus bei der Arbeit unterbrechen oder konzentriere ich mich auf die Malediven und den Placebo-Effekt der Anästhetika (ich bilde mir ein, dass die lokale Betäubung, deren bitterer Geschmack mir noch auf der Zunge liegt, mich irgendwie high macht) und ignoriere den ekligen Tropfen, der sowieso sofort von dem Saugedingsbums der Zahnarzthelferin eingesogen wird.

Ich entschließe mich für die zweite Option. Allerdings muss ich, während ich beobachte, wie sich der Tropfen tatsächlich von der Stirn des Zahnarztes löst und zeitlupenartig durch die Luft fliegt, kurz den Mund verzogen haben, denn er, mein Zahnarzt, wischte sich sogleich verlegen mit dem Handgelenksrücken den Schweiß von der Stirn. Und dann geschah es: mein betäubter Mund verzog sich zu einem verzerrten Lächeln. Ein bisschen Schadenfreude kann so süß sein.

שלום עליכם. Friede sei mit Euch.

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