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Vor ein paar Tagen habe ich einen Anruf aus Barcelona erhalten: es war ein britischer Headhunter den ich vor einigen Wochen lapidar kontaktiert hatte um mich auf eine im SAP-Bereich ausgeschriebene Position als Beraterin zu bewerben. Er hätte da eventuell eine Stelle bei einem US-amerikanischen Unternehmen für mich. Mein Profil, sagt er, würde da ganz gut passen. Klingt interessant. Zu solchen Angeboten sage ich prinzipiell nicht nein. Zumindest nicht ohne zu wissen, um was für ein Angebot es sich im Konkreten handelt. Schon weil ich ein sehr neugieriger Mensch bin. Ich gebe dem Headhunter also grünes Licht meine Daten an die Firma weiterzuleiten und erhalte am nächsten Tag einen zweiten Anruf in dem er, der Arbeitsvermittler, mir mitteilt, dass „Die“ Interesse an einem telefonischen Bewerbungsgespräch hätten. „Die“ das sind ein Typ von Human Resources und die Leiterin der SAP-Abteilung von der ich ein paar Stunden später auch kontaktiert werde. Die meiste Zeit während des Telefonats redet sie (auf Spanisch, mit einem ausländischen Akzent) -was mir nur recht sein kann denn die paar Sätze die ich über meine letzte Working Experience in einer IT-Abteilung sagen kann klingen für mich nicht besonders schlau und als sie, L., leitende Angestellte eines führenden Unternehmens im Energie-Sektor, dann auch noch von PSP-Elementen spricht und davon, dass sie diese „hasse“ stimme ich ihr zu und sage, dass ich PSP-Elemente auch hasse. Sofort nachdem ich die zwar ehrlichen aber auch völlig unangebrachten Worte ausgesprochen hatte (Projektstrukturplan-Elemente gehören zum internen Rechnungswesen im SAP-Umfeld) ärgere ich mich ein bisschen über mich selbst (–ich „hasse“ PSP-Elemente?!). Das anschließende Schweigen meiner Gesprächspartnerin, einer Person, die beim Reden kaum Luft zu holen scheint und gleichzeitig versucht, den Informationsgehalt in jedem ihrer Sätze so gut sie kann zu bündeln (und das kann sie ziemlich gut, denn die Stimme am anderen Ende gehört einer Frau, die weiß wovon sie spricht) habe ich verdient.

Trotzdem erhalte ich noch während des Gesprächs quasi eine Zusage für den Job bei dem renommierten Unternehmen. Eine Zusage für Barcelona und damit auch die Möglichkeit, den Antrag des Bruders einer langjährigen Freundin, der mich vor ein paar Monaten gefragt hat, ob ich ihn heiraten wolle, anzunehmen und endlich das All-inclusive Glückspaket zu erhalten von dem jede End-Dreißigerin die es sich noch nicht auf die Fahne schreiben kann in melancholischem Begehren träumt. Außerdem wolle er so viele Babys wie noch möglich mit mir haben, mindestens aber zwei. Toll, Babys finde ich toll und wollte auch schon immer eins haben. Einzige Bedingung, wie er kurz nach seinem vor einem Café vorgebrachten Antrag ergänzte, sei es, dass ich „nicht mehr im politischen Bereich aktiv“ sein solle. Die Tatsache, dass mir jemand auf diese Weise seine Ansichten aufdrängen und mir sagen will, wie die gemeinsame Zukunft und meine Rolle darin auszusehen haben, trübt die Aussicht auf das romantische Abenteuer Ehe mit dem Bruder meiner besten Freundin irgendwie. Aber inwieweit ich politisch aktiv sein könnte in einer Region deren Landessprache (Katalanisch) ich nicht beherrsche und in der dem freien Willen der Einwohner mit militärischen Maßnahmen, Gummigeschossen und über 800 Verletzten begegnet wird, ist dann noch mal eine ganz andere Frage.

Die Frage die ich mir jetzt, nach dem Anruf aus Barcelona, stellen muss ist, ob ich das überhaupt will. Weggehen aus Berlin? Ich weiß nicht so recht. Erst vor wenigen Tagen erhielt ich wieder Post aus der Niederkirchnerstraße 5 (wo das Berliner Abgeordnetenhaus tagt). Allerdings legt sich meine Freude beim Öffnen dieser Post dann jedes Mal auch wieder sehr schnell, denn es ist ausgerechnet die Alternative für Deutschland die mich zu ihren offiziellen Empfängen einlädt (was ich eigentlich ausgesprochen sympathisch finde. Denn ganz im Wiederspruch zu dem Eindruck, den das Parteiprogramm der AfD ansonsten vermittelt, scheinen die Vertreter der AfD ja doch einigermaßen tolerant zu sein wenn man kein Parteimitglied sein muss um zu den hauseigenen Empfängen eingeladen zu werden).

Anscheinend hat mein persönlicher Kontakt mit einem ständigen Mitglied des Ausschuss für Verfassungsschutz, einem Vertreter der Fraktion, einen gewissen Eindruck hinterlassen. Der Kontakt war im Rahmen meiner Recherche in Bezug auf den Fall A. Amri und der bislang ungeklärten Hintergründe des Weihnachtsmarkt-Terroranschlags zustande gekommen. Denn anders kann ich mir diese Post nicht erklären. Der Fall Amri. Noch immer stelle ich Nachforschungen an, hinterfrage ich und noch immer wurde trotz aller sich bislang abzeichnenden Sachverhalte und deren Zusammenhänge und Hinweise darauf, dass diverse Nachrichtendienste einen aktiven Anteil am Zustandekommen des Terroranschlags zu verantworten haben, die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses auf Bundesebene unterlassen.

Im vergangenen Jahr hatten mir zwei Mitglieder des ständigen Ausschusses für Verfassungsschutz eine Mitarbeit im Rahmen des am 06. Juli 2017 vom Berliner Abgeordnetenhaus eingesetzten Untersuchungsausschusses „Terroranschlag Breitscheidplatz“ in Aussicht gestellt. „Wir könnten Sie da gut gebrauchen,“ hatte einer der Abgeordneten gesagt nachdem wir uns am Abend des 08. Juni 2017 im vertraulichen Rahmen in einer im Herzen seines Wahlkreises gelegenen Kneipe getroffen hatten (tatsächlich hatte ich ihn nach vorheriger Absprache in seinem in der Nähe meiner Wohnung befindlichen Wahlkreisbüro aufgesucht. Dort hatte ich eine viertel Stunde auf ihn gewartet bevor wir gemeinsam zu besagter Gaststätte gelaufen waren wo wir uns auf die Terrasse gesetzt hatten). Das Angebot erschien mir interessant. „Allerdings“ fügte er dann aber hinzu, „wäre es vielleicht ganz ratsam, wenn Sie in diesem Rahmen nicht die Solidität unserer demokratischen Strukturen in Frage stellen würden“. „Das ist natürlich ein sehr verlockendes Angebot und gerne stelle ich mich da an die Seite von wem-auch-immer der ein ernstes Interesse daran hat, die Hintergründe zu dem Anschlag aufzuklären“ hatte ich geantwortet, „aber was nutzt mir so ein Job wenn ich dabei nicht die richtigen Fragen stellen kann?“ Danach habe ich weder von dem Angebot noch von meinem Kontakt je wieder etwas gehört.

Neulich sagte mir ein Parteifreund während einer der Sitzungen, dass es andere Angelegenheiten mit höherem Dringlichkeitsgrad gäbe als die Gewährleistung der Legitimität unserer behördlichen Einrichtungen zu verfolgen. Umweltschutz beispielsweise. Wie wichtig Umweltschutz tatsächlich ist weiß ich seit der Grundschule, da habe ich nämlich angefangen mich dafür einzusetzen. Unter anderem mit der Organisation einer Klassen-Demo gegen Brandrodungen des Amazonas-Regenwaldes („Mc***, lass die Whopper kalt, Hände weg vom Regenwald!“ stand da auf unseren selbstbemalten Plakaten). Protestaktionen und Projekte sind zweifellos wichtig und sinnvoll um Missstände aufzuzeigen.

Aber eine grundlegende Frage, die man sich als erwachsener Mensch stellen sollte ist, wie ökologische Kosten und teilweise irreversible Schäden überhaupt zustande kommen. Die Antwort darauf ist in der vielfältigen wirtschaftlichen Nutzung vorhandener Ressourcen zu suchen. Der dabei entstehende ökonomische Ertrag kommt im Wesentlichen einer Minderheit zugute welche die eigenen wirtschaftlichen Interessen mit den vorhandenen finanziellen Kapazitäten hervorragend organisieren und im politischen Umfeld geltend machen kann.

Statistisch optimierend angesetzte Schätzungen der nationalen Vermögensverteilung in Deutschland weisen darauf hin, dass 2014 10 % der Bevölkerung über 60 % des Gesamtvermögens verfügten -würde man diese Studie mit anderen statistischen Rechenverfahren bewerten, als es bei der Auswertung der empirischen Daten der Fall war, wäre es sehr wahrscheinlich, dass sich die Ergebnisse noch weitaus drastischer darstellen würden. (Diese Mühe habe ich mir allerdings nicht gemacht, da die Zahlen ohnehin für sich sprechen). Die Tendenz der Entwicklung einer heterogenen Vermögensverteilung war dabei in den letzten Jahrzehnten durchgehend positiv und eine Zunahme mit leicht exponentiellem Effekt ist in den nächsten Jahrzehnten dementsprechend auch weiterhin zu erwarten [2].  Die Studie hat außerdem abgezeichnet, dass ein Vermögensbestand, der dem der oberen 10 % entsprechen würde, durch bloßen Arbeitseinsatz hierzulande nicht oder nur in seltenen Ausnahmefällen erwirtschaftet werden kann. Für 35 % der privaten Haushalte ist es darüber hinaus überhaupt nicht möglich, mit den ihnen gegebenen Möglichkeiten die eigenen Vermögensverhältnisse zu optimieren [3].

Entstehende ökologische und ökonomische Kosten werden dagegen gesamtgesellschaftlich getragen und sind in der Regel substantieller und nachhaltiger als der erwirtschaftete Gewinn. In einigen Fällen sind die ökologischen Kosten so gravierend, dass sie gar nicht mehr zu beheben sind. Dementsprechend ist die im Interesse der Allgemeinheit liegende sinnvolle und damit begrenzte Nutzung natürlicher Ressourcen und deren Ertragsverteilung nur durch die neutrale Instanz staatlicher Kontrollen zu gewährleisten. Die Kausalität zwischen schadhaften wirtschaftlichen Aktivitäten und den daraus resultierenden ökologischen Kosten wird insbesondere am Klimawandel deutlich. Die Neutralität unserer Gesetzgebung und deren Umsetzung können allerdings nur im Rahmen einer objektiven Willensbildung der Öffentlichkeit und einer demokratischen Mitbestimmung bei der Steuerung des Rechtsstaats gewährleistet werden.

So wird deutlich, dass die Gewährleistung demokratischer Prinzipien jeden Lebensbereich betrifft, auch wenn entsprechende Zusammenhänge nicht immer offensichtlich sind. In vielen Ländern Nord- und Zentraleuropas ist man darüber hinaus seit den Neunzehnhundertachtziger Jahren derartig an demokratische Regierungsformen gewöhnt, dass man begonnen hat diese als eine grundsätzliche Selbstverständlichkeit zu betrachten. Dabei wird immer häufiger versäumt, die konkrete Umsetzung demokratischer Grundsätze mit der gebotenen Skepsis zu hinterfragen. Auch die Existenz in ihrer aktuellen Zusammensetzung und Vorgehensweisen nicht demokratiefähiger behördlicher Einrichtungen wurde mit der zunehmenden Häufigkeit der relativ neuen politischen und zivilen Bedrohung terroristischer Anschläge toleriert. Nicht zuletzt Hollywood ist es zuzuschreiben, dass nachrichtendienstliche Aktivitäten im kollektiven Bewusstsein idealisiert und verharmlost wurden. Dabei wird im Drehbuch stets vorausgesetzt, dass entsprechende Institutionen zwar unter Ausschluss der Öffentlichkeit, dabei aber stets in deren Interesse agieren und in waghalsigen Operationen Leib und Wohl der eigenen Leute aufs Spiel setzen um die demokratische Grundordnung der westlichen Welt zu schützen. Aber inwieweit entspricht dieses Bild tatsächlich der Realität? [4]

Ein befreundeter Hacker in Barcelona (der aufgrund seiner Aktivitäten auch einige Zeit eingesessen hatte) hat mir einmal erzählt, dass er von einer amerikanischen Behörde kontaktiert worden war. Nach eigenen Angaben hat er das Angebot aber abgelehnt. Inwiefern diese Angaben den Tatsachen entsprechen und wie konkret diese Kontaktaufnahme war weiß ich nicht (er sprach von einem Anruf, der direkt nach einer seiner Aktivitäten im Netz erfolgt sein soll. Mir liegen Informationen vor, dass im Zusammenhang mit einem anderen Fall eine Kontaktaufnahme über Facebook erfolgt ist. Die auf dem Kontaktfoto abgebildete weibliche Person trug einen militärischen Anzug der einen höheren Beamtenstatus erkennen ließ, weigerte sich aber während der Kontaktaufnahme ihre Identität zu enthüllen). Vielleicht war er es nicht selbst der kontaktiert worden war, vielleicht war es einer seiner Freunde. Vielleicht hat er das Angebot sogar angenommen und steht in einem mir unbekannten Beschäftigungsverhältnis (was ich eher für unwahrscheinlich halte), ich weiß es nicht. Allerdings ist in jedem Fall die Wahrscheinlichkeit, dass ein verurteilter Hacker ein entsprechendes Angebot ablehnt, fast so gering wie seine zukünftigen Beschäftigungsaussichten in einem börsengeführten Unternehmen. (Ohne Frage, es gibt sie, die Leute die sich nicht einschüchtern oder kaufen lassen. Allerdings könnte ich mir sehr gut vorstellen, dass es nicht leicht ist, sich dem zu entziehen, wenn systematisch und permanent Druck auf einen Aktivisten oder Informationsträger ausgeübt wird. Sowohl inhaltlich sehr verschiedene Lebensbereiche betreffende Drohungen als auch die Aussicht auf eine sofortige Lösung privater und beruflicher Konfliktfelder liegen mit Sicherheit im Handlungs- und Ermessensspielraum behördlicher Einrichtungen, die sich systematisch dem Zugriff öffentlicher Kontrollen entziehen. Auch die Androhung einer intensivierten strafrechtlichen Verfolgung denkbarer Gesetzesüberschreitungen des /der Betroffenen oder deren Angehörigen käme dabei sicherlich regelmäßig zum Tragen. Außerdem könnte ich mir denken, dass die entsprechenden Maßnahmen systematischer Druckausübung aufgrund über Jahrzehnte weiterentwickelter, einschlägiger Erfahrungen in der Praxis einer solchen Behörde den Betroffenen keine oder nur eine erschwert realisierbar zu machende rechtliche Grundlage bieten würden, die zugrundeliegenden Grundrechtsverletzungen in einen nachweisbaren Zusammenhang zu stellen und zur Anzeige zu bringen. Auch wenn es sich bei den Betroffenen zumeist um schlaue und /oder Leute mit ausgeprägtem sozialen Einfluss handelt –solange die juristische Grundausbildung und die politischen Netzwerke fehlen, ist in einer solchen Situation die Verteidigung der eigenen Integrität eine teuer erkaufte und sehr riskante Haltung).

Auch der aktive Kontakt zu Schlüsselpersonen aus staatlichen und wirtschaftlichen Sektoren hat eine wesentliche Bedeutung bei der Umsetzung nachrichtendienstlicher Aktivitäten. Bedenklich ist dabei, dass es bei Beschaffung und Verwaltung von Informationen keinerlei Transparenz gibt. Theoretisch erfordert das Grundgesetz für Maßnahmen der akustischen Überwachung die Anordnung eines aus drei Richtern bestehenden Spruchkörpers. In der Praxis ist die lückenlose Umsetzung dieser Auflage allerdings nicht zu kontrollieren. Informationsträger haben in jedem Staat ein hohes Maß an politischem Einfluss. Ob und wie sehr dieser geltend gemacht wird ist ganz unterschiedlich, entzieht sich aber in der Regel der Kenntnisnahme der Öffentlichkeit. Im Grundgesetz wird der Einsatz „technischer Mittel zur akustischen Überwachung“ zur Verfolgung besonders schwerer Straftaten für eine „zu befristende Maßnahme“ erlaubt [5]. Inwiefern diese Einschränkungen in der Praxis jedoch eingehalten werden, kann extern nicht festgestellt werden. Denn wie ein Mitglied des ständigen Ausschusses für Verfassungsschutz es bei einem Interview einmal formulierte „sehen wir nur, was die uns zeigen wollen [6]“.

Das Diskreditieren und der Rufmord politischer Gegner und Aktivisten werden mit der notwendigen Information oder auch der gezielten Manipulation mit Hilfe von Informationen und Fehlinformationen relativ leicht. Nach den Snowden-Enthüllungen, während derer ich mich noch regelmäßig in der Schweiz aufhielt, wurde Edward Snowden in diversen Medien unterstellt unter anderem behauptet zu haben, dass Schweizer „schwul“ aussähen und die schweizerischen Frauen hässlich seien [7]. Erstaunlich dabei ist, dass die Quellen bei offenbar in einem privaten Umfeld gemachten Aussagen so wenig hinterfragt werden. Zumal es sich bei Mr. Snowden um eine Person handelt, deren individuelle Entscheidung es war, das eigene Wohlergehen zu riskieren um die Öffentlichkeit über missbräuchliche behördliche Aktivitäten bei der Erhebung persönlicher Daten zu informieren. Der Inhalt dieser angeblich von Snowden geäußerten „Lästerattacken“ ist sehr persönlich und ruft eine emotionale Reaktion hervor, die bei den Angesprochenen im Vordergrund steht. Und angesprochen war in diesem Fall immerhin die gesamte schweizerische Öffentlichkeit. Die kollektive Sympathie für den Whistleblower wurde so beschränkt und ein Volksbegehren, mit dem Snowden Asyl in der Schweiz gewährt hätte werden können, auf diese Weise von Anfang an ausgeschlossen. E. Snowden wird für seinen Teil keine Gelegenheit haben, sich zu diesen Unterstellungen zu äußern (davon einmal abgesehen, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass Snowden überhaupt Kenntnis davon genommen hat). Ob nun Schach mit Informationen oder Fehlinformationen sind solche Verhältnisse nicht nur bedauerlich sondern auch riskant für die Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Raumes und jede Person mit einem Gewissen und der notwendigen Zivilcourage diesem zu folgen.

Letzten Dienstag kam übrigens der dritte wichtige Anruf aus Barcelona. Meine Bewerbung wurde angenommen. Es wäre das Beste teilt man mir mit, wenn ich gleich am Donnerstag, spätestens aber am Freitag, anfangen würde (schließlich hätte ich ja auch von einer „sofortige Disponibilität“ gesprochen). Zeitgleich kontaktiert mich ein ehemaliger Kollege aus den USA mit dem ich vor ein paar Jahren in der IT-Abteilung eines führenden Pharma-Konzerns an einem Projekt in der Schweiz gearbeitet habe und bietet mir seine fachliche Unterstützung in diesem Projekt an. Ein IT-Projekt mit überdurchschnittlicher Bezahlung unter der Sonne Spaniens und ein amerikanisches Backup. Was will man mehr? Und was sind überhaupt meine Alternativen? Noch zwei bis drei Monate Schneeregen und mehr als ungewisse berufliche Perspektiven in Berlin (wo man die meisten meiner dutzenden von Bewerbungen schlicht ignoriert hat oder ich mich wiederholt aus technischen Gründen auf den Bewerberportalen nicht einmal habe registrieren können). Eine sehr einfache Erklärung für meine berufliche Flaute wäre natürlich, dass die deutschen Firmen nicht so oft die in Deutschland entwickelte ERP-Software verwenden. Allerdings verwendet sogar das israelische Militär bei der Verwaltung logistischer Prozesse diese Softwarelösung. Also eher unwahrscheinlich, dass die Unternehmen hierzulande den Softwarehersteller mit dem weltweit größten Marktanteil in der ERP-Branche nicht mit ihren Projekten beauftragen [8].

Ansonsten stundenlange Sitzungen im Ortsverband, wo über Milieuschutz und bunte Weihnachtsmänner, die bei einer Veranstaltung gegen die braunen AfD-Nikolausmänner antreten sollen und die es bei irgendeinem Discounter im Sonderangebot geben soll. (Um mögliche Missverständnisse auszuschließen: es gibt sehr viele und wichtige Themen die von den Mitgliedern meiner Partei mit der gebotenen Ernsthaftigkeit verfolgt werden, allerdings erfordert ein Beitrag häufig ein gewisses Maß an Geduld um sich auch alternative Inhalte anzuhören).

Eine ganz andere Sache ist die Aussicht auf die sehr wahrscheinliche Fortführung einer Serie sehr unerfreulicher wenn nicht sogar besorgniserregender Ereignisse, von denen ich in den letzten Monaten einige zur Anzeige gebracht habe (wahrscheinlich eine Pechsträhne). Der letzte Vorfall ereignete sich auf einem Spaziergang während dem ich von einem Unbekannten mit einem Klappmesser bedroht wurde. Vorladung des Polizeipräsidenten von Berlin am 2. Februar 2018. Und das obwohl mir meine Mutter, in deren Anwesenheit sich der Übergriff ereignet hatte, mir davon abgeraten hatte Anzeige zu erstatten. Die Polizei, sagte sie, würde mich schon kennen: ein Beamter hatte sie im Zusammenhang mit einer anderen Strafanzeige, die ich im November 2017 mit Bezug auf einen anderen Sachverhalt erstattet hatte, kontaktiert und ihr dabei mitgeteilt, dass er sich schon gedacht habe, dass ich es gewesen sei, die diese Anzeige erstattet hätte.

Tatsächlich hatte ich kurz zuvor auch regelmäßige Vorfälle nächtlicher Ruhestörungen in meinem Wohnbereich zur Anzeige gebracht –die Anzeige musste ich gegen Unbekannt stellen, denn trotzdem ich an verschiedenen Tagen mehrmals das Ordnungsamt verständigt hatte (die Tage, an denen ich NICHT durch Geräusche im Hausflur oder den angrenzenden Wohneinheiten geweckt wurde, waren weniger, als die Tage, während derer die Geräusche in meiner Wohnung so laut waren, dass ich nachts davon geweckt wurde), konnten weder ich noch die Beamten die Ursache des nächtlichen Lärms feststellen. Die Beamten und ich hörten zwar die Geräusche im Hausflur des Wohnhauses meiner Wohnung, konnten diese jedoch nicht zuordnen. Nachts geweckt zu werden macht schlechte Laune und ist nicht gut für die Gesundheit und am nächsten Tag hat man dann außerdem echte Schwierigkeiten sich zu konzentrieren. Ich wurde schon ein paar Mal gefragt, ob ich einen leichten Schlaf hätte oder irgendwie lärmempfindlich wäre. Wer eine Wohnung in der Nähe der Hayarkon Street im Zentrum von Tel Aviv bewohnt hat und während der Sommermonate dort bei geöffneten Fenstern zur Ruhe kommt, antworte ich dann immer, der muss einen ausgesprochen tiefen Schlaf haben. (Bis 2015 hatte ich da nämlich eine kleine Wohnung im Dachgeschoss eines Mehrfamilienhauses mit direktem Blick auf den Jerusalem Beach angemietet. Der Strand wird im Sommer zur Partymeile und ist tagsüber wahrscheinlich eine der coolsten Dating-Plattformen der Welt.)

„Die Regelmäßigkeit mit der du solche Vorfälle zur Anzeige bringst fällt langsam auf.“ Ach was. „Ich weiß doch gar nicht mehr wie ich unter solchen Umständen meinen Alltag bewältigen soll. Die ständigen Lärmbelästigungen nachts und Zwischenfälle tagsüber.“ Denn mit einer erschreckenden Regelmäßigkeit gibt es auch Vorfälle im Straßenverkehr –innerhalb weniger Tage sind andere Fahrzeuge knapp vor dem PKW meiner Mutter ausgeschert und hätten damit beinahe Auffahrunfälle provoziert. Vor wenigen Tagen hat ein Fahrer tatsächlich kurz vor uns mitten auf der Straße einen U-Turn gemacht und ist dabei auf die entgegengesetzte Fahrbahn gewechselt. Von dem Fahrer eines anderen PKWs wurden wir verfolgt, zwei Mal ist ein PKW als ich eine Straße überquerte (der PKW fuhr viel zu schnell und hielt dabei direkt auf mich zu während ich auf der leeren, gegenüberliegenden Fahrspur die Straße überqueren wollte) beim Überqueren eines Parkplatzes vor einem Supermarkt direkt auf mich zugehalten. Im Zusammenhang mit einem anderen Zwischenfall war meine Mutter von einem Unbekannten bis vor den Hauseingang verfolgt worden). An einem der wenigen Tage an denen es in diesem Jahr geschneit hat, ist wieder ein Fahrer so knapp vor dem PKW meiner Mutter ausgeschert, dass, obwohl sie relativ langsam gefahren war, die Bremsen auf der glatten Straße versagt hatten. Ich hatte dabei mit im Auto gesessen und zusätzlich die Handbremse gezogen -der Wagen war auf dem frisch gefallenen Schnee einfach weiter geschlittert. Um einen Auffahrunfall zu verhindern, hatte meine Mutter das Lenkrad herumreißen und den wenige Monate alten Wagen gegen eine Mauer fahren müssen. Die wenigsten dieser Vorfälle habe ich zur Anzeige gebracht. Als nächstes werde ich endlich die längst überfällige Webcam installieren um solche Zwischenfälle zu vermeiden. Oder zumindest in vollem Ausmaß nachweisen zu können (was sich dennoch als schwierig erweisen dürfte). „Ich weiß nicht, wie sich die Regelmäßigkeit solcher Vorfälle erklären lässt. Aber ich weiß, dass mich diese Tatsache nicht davon abhalten kann, entsprechende Sachverhalte zur Anzeige zu bringen. Denn auch wer Missstände toleriert ist dafür verantwortlich“ habe ich meiner Mutter geantwortet.

Berlin, den 22. Januar 2018

 

[1] Wenn man bedenkt, dass ich selbst einen beträchtlichen Anteil meiner Zeit in die Untersuchung eines Sachverhaltes investiere, für den ich im Gegensatz zu meinem Ansprechpartner keine offizielle Verantwortung trage und dementsprechend auch keine Diäten beziehe, könnte sich der ein oder andere Leser an dieser Stelle fragen, warum ich den Namen meines Ansprechpartners nicht nenne. Es gibt zwei Gründe warum ich das nicht tue: erstens will ich meine zukünftigen Ansprechpartner nicht von vorneherein vergraulen. Und zweitens entspricht es weder meiner politischen noch meinen persönlichen Absichten Einzelpersonen vorzuführen.

[2] Deutsche Bundesbank, Vermögen und Finanzen privater Haushalte in Deutschland: Ergebnisse der Vermögensbefragung

[3] An dieser Stelle weiter auf die Vermögensverteilung einzugehen würde diesen Beitrag zu sehr aufblähen. Aber in Anbetracht der Komplexität der angesprochenen Themen und um diesen gerecht werden zu können ergänze ich Hintergrundinformationen in den Fußnoten: die Marginale Sparquote (marginal propensity to save) bezeichnet den Anteil eines privaten Haushaltseinkommens der nicht durch notwendige Lebensunterhaltskosten aufgebraucht wird . In Deutschland entsprechen die minimalen Kosten des Lebensunterhalts dem Einkommen eines Sozialhilfeempfängers (entsprechend Warmmietkosten und Nahrung. In der Regel übersteigen die Kosten für eine angemessene „Beteiligung am sozialen Leben“ die geleisteten Beiträge, daher ist der Vergleich relativ akkurat). Einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung kann entnommen werden, dass 35 % der deutschen Privathaushalte keine Sparkapazitäten haben, d.h. mit gegebenen Kapazitäten keine Möglichkeit haben ein Vermögen zu bilden oder zu erhöhen (7 % davon sind zudem verschuldet). Natürlich kann eine realistische Einschätzung der Aussichten eines Privathaushaltes auf eine Optimierung der finanziellen Grundlagen nur individuell erfolgen. Aber zusammenfassend setzten die entsprechenden Chancen auf Erfolg mittel- und langfristig sehr viel Ausdauer, Kreativität und eine stabile Konjunktur und wohl auch ein gewisses Maß an Glück voraus.

Deutsches Institut für Wirtschaft (DIW), Vermögen in Deutschland: http://www.diw.de/de/diw_01.c.100319.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilungen.html?id=diw_01.c.438772.de

[4] Wie realistisch ein solches Szenario tatsächlich ist, wird schon anhand der cineastischen Interpretation der Handhabung mit den nachrichtendienstlichen technischen Tools sehr deutlich: In den meisten Streifen fassen sich die Agenten ans Ohr wenn sie miteinander kommunizieren oder rücken sich bei geheimen Operationen die Brille mit der integrierten Minikamera zurecht (wenn ihnen nicht sogar irgendein aufgerolltes Kabel aus dem Ohr hängt). An dieser Stelle würde ich mich sehr weit aus dem Fenster lehnen würde ich behaupten, dass schon in den Zweitausendern technische Möglichkeiten zur visuellen Überwachung entwickelt wurden, die problemlos in einem Knopf installiert werden konnten. Wenn man die Modelle von Mobiltelefonen aus dieser Zeit mit einem Smartphone der letzten Generation vergleicht, wird man den Begriff „Videoüberwachung“ wohl nicht mehr allzu häufig verwenden wollen (es sei denn man hält auch das Wort „Wählscheibe“ für eine echte terminologische Alternative für „Touchscreen“).

[5] Art. 13, Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland: http://www.gesetze-im-internet.de/gg/BJNR000010949.html#BJNR000010949BJNG000100314

[6] Siehe „Die Affäre Breitscheidplatz“: http://telaviv-berlin.com/?p=442

[7] handelsblatt.com: http://app.handelsblatt.com/politik/international/hat-snowden-die-schweiz-beleidigt-frauen-oft-haesslich-strassen-zu-schmal/8420246.html

[8] Computerwoche, „Kampf der ERP-Giganten“: https://www.computerwoche.de/a/kampf-der-erp-titanen,3223108

 

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