Ein Juniwochenende 2018

Es ist wieder das letzte Wochenende im Juni. Wieder Grillparty bei den langjährigen Freunden der Familie, wieder trifft man Freunde und Bekannte die man nur an diesem einen Tag im Jahr trifft der normalerweise in der ersten Juliwoche stattfindet. Irgendwie ist diese Feier doch etwas Besonderes, das wird mir klar als wir auf dem überschaubaren Grundstück in einem Berliner Randbezirk eintreffen. Gleich nach unserer Ankunft haut mir der Hund meiner Mutter ab. Ich hatte mich nur einen Moment umgedreht um unsere Gastgeber zu begrüßen und schon war der Saluki verschwunden („Ach, das macht er da immer, das hätte ich dir sagen können. Wahrscheinlich war er beleidigt weil du nicht im Auto mitgefahren bist“). Ein Schock, ein erster Eindruck auf den ich noch zwei Stunden später von besorgten Menschen angesprochen werde: „Habt ihr denn den Hund gefunden?“ Ja, haben wir. Die, die den Hund suchten.

Eine halbe Stunde später stelle ich mich neben die schon wartenden Partygäste am Grill und versuche es gleich mit der Frauenquote: „Jetzt kommt mal ein Mädel ran!“ rufe ich lachend. Wortlos zeigt unser Gastgeber auf seine Töchter und meine beiden Tanten die in unmittelbarer Nähe sitzen. Ältere Semester (zumindest meine Tanten) und keine Vegetarierinnen wie ich jetzt ernüchtert feststellen muss. Nachdem ich in einer turbulenten Fahrt auf dem Rücksitz eines Motorrollers über Autobahn und Heerstraße und schließlich auf unwegsamen Gelände bis an die äußerste Grenze dieser nach der Wende entstandenen Siedlung gefahren bin um einer meiner Tanten meinen Platz im komfortablen Auto zu überlassen nur um kurz nach meiner Ankunft den Hund meiner Mutter zu suchen habe ich mir ein Stück vom Rind verdient wie ich finde. Außerdem kauen die meisten Gäste inzwischen ohnehin schon auf der zweiten Portion Grillfleisch herum. „Dieses da bitte!“ sage ich und sehe meinen Gastgeber mit breitem Lächeln an. Der kennt mich schon und knallt das Rumpsteak auf das ich zeige gleich auf den Grill. Normalerweise esse ich kein Fleisch (eine Ernährungsweise die sich Flexitarismus nennt –im Unterschied zu reinen Vegetariern schließt man den Fleischkonsum nicht grundsätzlich aus) und da dieser eine Tag im Jahr eine Ausnahme darstellt und ich am liebsten jeden Tag Fleisch essen würde genieße ich mein Bio-Steak mit jedem Bissen. Ich habe mal einen Mann getroffen, der behauptete jedes der Tiere die er verzehrte selbst erlegt haben zu können. Das hielt er für eine Voraussetzung für den Fleischkonsum. Ich bin mir nicht sicher ob mir das gelingen würde. Aber prinzipiell stimme ich dem zu. Fleischkonsum und Tierliebe werden nicht als grundsätzlich widersprüchlich angesehen. Die im Kühlregal abgepackten Fleischbrocken und deren Produktionsfaktoren werden vollkommen abgespalten von der Vorstellung eines an einem Fläschchen nuckelnden Kälbchens. Wenn man das eigenständige Herstellen von Fleisch- und Wurstwaren als Voraussetzung für deren Konsum einführen würde, wäre das mit Sicherheit tatsächlich das Ende der Fleischindustrie als allgemein akzeptiertem Wirtschaftsfaktor.

Aber zum Glück werde ich beim Essen von solchen Gedanken abgelenkt: Einer unserer früheren Kieznachbarn mit dem ich schon im Sandkasten gespielt hatte sitzt auf einer Bank mir schräg gegenüber. Ich hatte ihn und seinen Freund kurz vorher noch begrüßt, zum letzten Mal hatten wir uns Anfang des Jahres bei meinem Geburtstag gesehen. Er, seine Schwestern und ich hatten schon im Sandkasten zusammen gespielt und seitdem hatte er sich mehr von unserer Freundschaft versprochen. Aber für mich war er irgendwie immer der kleine Junge aus der Nachbarschaft geblieben. Kurz nach unserem letzten Treffen hatten wir eine kleine Meinungsverschiedenheit und da ich mein Stück Fleisch genießen will rücke ich unmerklich ein Stück weiter die Bank runter neben seinen Schwager: „Habt ihr den Hund wieder?“ „Ja.“ Ob er noch immer in der IT-Branche tätig wäre erkundige ich mich. In unserem erweiterten Freundeskreis stand er im Ruf ein Genie zu sein. Sein Schwiegervater hatte mir einmal erzählt dass er als externer Berater innerhalb kürzester Zeit ein technisches Problem bei der Deutschen Bahn gelöst hatte an dem der hauseigene Mitarbeiterstab wochenlang gescheitert war. Und ob er noch programmiere will ich wissen. „Ich bin jetzt im Verkauf tätig, da hat man mehr Kundenkontakt.“ Aha. Ein Account-Manager. „Ziemlich einseitig ausgerichteter Kontakt, oder?“ „Ja, aber man kommt häufiger unter Menschen.“ „Ja, aber auch immer unter denselben Voraussetzungen. Ich persönlich halte 80 % von euch Vertretern für Soziopathen.“ sage ich grinsend. „Ist der Vertrieb im Vergleich zu deiner vorherigen Tätigkeit nicht langweilig?“ Ausgiebig erklärt er mir die verschiedenen Aspekte der Tätigkeit eines Verkäufers im IT-Bereich. Es gäbe viele vertragliche Klauseln auf die man achten müsse um hinterher keine unangenehmen Überraschungen zu erleben. „Sind es nicht eher die Kunden die da Überraschungen erleben können?“ frage ich. „Ich meine in der IT-Branche ist man doch über jede extra Serviceleistung die man berechnen kann dankbar.“ „Da muss man schon drauf achten.“ Sagt er schmunzelnd und fügt dann augenzwinkernd hinzu dass man schon wissen müsse worauf man sich bei so einem Deal einlässt. Mittlerweile bin ich mir nicht mehr sicher ob wir nur noch über die IT-Branche sprechen. Inzwischen scheint das Gespräch auch anderen Gästen aufgefallen zu sein –auf einem Gartenfest an einem letzten Samstag im Juni warten wohl Einige auf einen Höhepunkt in Form eines kleinen Skandals der noch für zuhause Gesprächsstoff liefern könnte. Take-away gossip. Ich bin Single, okay. Aber das impliziert keinen Notstand dem ich mit allen Mitteln entgegenzuwirken versuche. Also entschuldige ich mich und beginne mit ein bisschen Smalltalk hier und da.

„Wie läuft es denn so in Russland?“ spreche ich eine Cousine meiner Mutter an. Sie -die Cousine- ist heute überraschenderweise auch anwesend. Sie ist eine Schwarzhaarige in den End-Fünfzigerin, noch immer verhältnismaäßig attraktiv  und bei irgendeinem Sender Russlandkorrespondentin. Außerdem trägt sie gerne Channel und tritt einigermaßen regelmäßig in Talkshows auf um ihr Buch über den Hermaphroditismus ihrer Tochter vorzustellen. Ihre Tochter Maxime ist ein wunderbarer Mensch. Sie ist auch eine Rebellin und war auch in einer Klasse derselben Schule bei derselben Grundschullehrerin die schon mich zum Nachsitzen verdonnert hatte (dabei hatten wir immer in verschiedenen Bezirken gewohnt und uns jahrelang nicht gesehen). Berlin ist ein Dorf. Man kennt immer jemanden der irgendjemanden kennt den man auch kennt. Das war mir hier schon im letzten Jahr aufgefallen als ich mich bei einem Berliner Landesrichter nach einer gemeinsamen Bekannten erkundigt hatte. Natürlich kannte er sie gut und war bestens informiert was Charlotte jetzt so trieb. Wie auch immer, dieses Jahr scheiterte ich offenbar in meinen Versuchen Smalltalk zu machen. „Ich war schon lange nicht mehr in Russland.“ Aber? Keine weiteren Angaben. Ich drehe mich der hübschen Elena zu die direkt neben dem Tisch mit den Getränken steht und zu mir herüberschaut. „Ist der Hund wieder aufgetaucht?“ Anscheinend ist auch ihr das Gespräch von vorhin aufgefallen denn sie wirkt ein bisschen betroffen und irgendwie habe ich den Eindruck das es nicht wegen dem Hund ist. Gerne würde ich ihr offen heraus sagen dass ich keinesfalls vorhabe den dritten Part in einer komplizierten Ehekonstellation zu geben. Aber schon steht ihr Gatte hinter ihr um ihr die Schultern zu massieren und um nicht taktlos zu erscheinen geselle ich mich rasch zu den anwesenden Fußballfans um Argentinien beim Verlieren zuzuschauen. Ein kleines Mädchen setzt sich auf die Lehne meines Stuhls und schaut gebannt auf den Bildschirm während sie bei jedem Pass laut mit der Zunge schnalzt und dann die Luft zwischen den Zähnen ausstößt. Mein uns gegenüber sitzender Cousin schaut bei jedem Tor das die Franzosen schießen triumphierend lachend zu mir herüber und obwohl es mir eigentlich egal ist wer es ins Viertelfinale schafft feuere ich ihm zuliebe mit den Anderen l’équipe treuherzig an (ich weiß gar nicht seit wann wir so frankophil sind).

Aber schlechter Fußball ist wie kalte Fritten und Argentinien ist nicht in Form. So macht gewinnen keinen Spaß und ich drehe noch eine kleine Runde mit dem Hund und noch ein paar weitere Runden Smalltalk bevor wir uns auf den Heimweg machen. Dabei überlege ich dass man anregen könnte sich jedes halbe Jahr zu einer Grillparty zu verabreden. Vorausgesetzt natürlich, dass die USA das Kyoto-Protokoll weiterhin nicht ratifizieren und weitere Mitgliedstaaten dem Beispiel Kanadas folgen und aus dem Protokoll austreten. Ich bin mir allerdings nicht sicher ob ich dann auch diese Gelegenheit nutzen würde mir ein Steak zu genehmigen –obwohl ein weiterer Beitrag die Fleischindustrie zu fördern auch die Wahrscheinlichkeit für gutes Wetter im März steigern würde: die durch Viehzucht entstehenden Oxide und das Methan sind einer der wesentlichen Faktoren die zur globalen Erwärmung beitragen. Aber es besteht auch ohne zusätzliches Zutun eine reelle Chancen diese Pläne zu verwirklichen: so warm wie in den letzten drei Jahren war es zum letzten Mal im Jahr 113.000 vor unserer Zeitrechnung. Vielleicht lohnt es sich schon jetzt in Grillkohle und Gummiboote zu investieren.

Berlin, den 4. Juli 2018

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