August 2018

Sommerferien. Ich bin nicht verreist. Die letzten Monate waren sehr anstrengend und ich genieße die Auszeit im Verwaltungsbereich. Es passiert fast nichts. Ich surfe im Internet, suche nach Hotels für einen Kurztrip und checke gelegentlich meinen Terminkalender. Eben gerade habe ich mit Alexander von Netzpolitik.org telefoniert –und viel aktiver will ich heute auch nicht werden. Ich habe mir selbst eine Schaffenspause auferlegt und muss mich auch nicht besonders anstrengen um sie einzuhalten. Schaffenspausen sind wichtig, gerade wenn man seine Ferien nicht im Ausland verbringt. Vor ein paar Tagen habe ich mit einer Freundin telefoniert und als wir über ihre Ferienpläne gesprochen haben meinte sie etwas verlegen, dass es dieses Jahr nur Ferien in Deutschland werden würden. „Ist doch schön.“ Warum muss es immer Südsee sein? Zwei Wochen Dominikanische Republik… keine Ahnung. Ich fliege nicht besonders gerne. Meine letzte Übersee-Reise ist schon ein paar Jahre her. Und wenn ich den Atlantik überquere brauche ich erst mal drei, vier Tage um mich vom Jetlag zu erholen. Einige meiner früheren Kollegen sind auf Geschäftsreisen aus dem Flieger gestiegen und gleich ins Fitnessstudio gegangen. Vielleicht fällt einem das leichter wenn man erste Klasse geflogen ist. Keine Ahnung. Zurückschauend bin ich sehr viel gereist und habe viele Erfahrungen gemacht. Beruflich, privat, politisch. Und dennoch –oder gerade deshalb- brauche ich zwischendurch einen gewissen Leerlauf. Während meiner Studienzeit hatte ich eine Freundin die immer irgendetwas angestellt hat. Sie saß nie still und (zum Leid ihrer Mitbewohner) zählte es zu ihren Hobbys ihre Freunde und unzähligen Bekannte zu sich nach Hause einzuladen. Davon abgesehen, dass diese Angewohnheit sie in jeder der zahlreichen Wohnungen die sie während unserer Studienzeit bewohnt hatte zu einer sehr unbeliebten Nachbarin machte hatte sie es außerdem fertig gebracht, sich während ihrer akademischen Laufbahn einen gewissen Ruf in Barcelona zu anzueignen. Auch die Geschichten die sie von ihrer Zeit in Paris erzählte waren intensiv und grenzten ans Absurde. Insgeheim bewunderte ich sie ein wenig für ihre unzähligen Kontakte und ihre extrovertierte Art die sie –gepaart mit einer gewissen Dosis Arroganz- zu einer unterhaltsamen Gesprächspartnerin und Freundin machten. Aber wenn ich allein mit ihr war bemerkte ich diesen unbestimmbaren Mangel eines tieferen Bewusstseins der außergewöhnlich extrovertierte Menschen manchmal kennzeichnet. Und eben dieser Mangel an Tiefgang war es auch der ihre Kontakte und Freundschaften auszeichnete. Darum hatte sie sich auch stets an mich gewandt wenn sie in Schwierigkeiten steckte. Und das war ziemlich oft. Früher habe ich mit meinen Freunden jeden Tag zu irgendeinem Abenteuer gemacht. Vielleicht habe ich es irgendwann übertrieben. Aber jetzt sind ohnehin Ferien und außerdem war ich fast mein ganzes Leben unterwegs und übe mich jetzt eben mal ein paar Tage als schreibender und telefonierender Couch-potato.

Apropos: Vor einer Stunde telefonierte ich mit Herrn Albrecht. Herr Albrecht gehört zum Vorstand der Internationalen Liga der Menschenrechte. Bislang beschränkte sich unser Kontakt auf eine schriftliche Korrespondenz und ein paar Telefonate. Er hatte mich gebeten am Sonntag im Hauptsitz der Organisation in Berlin Friedrichshain vorstellig zu werden. Da die Hälfte des Vorstands aufgrund der Ferien nicht anwesend sein würde, wollte ich den Termin allerdings auf die nächste Vorstandssitzung im Oktober zu verschieben. Während unseres ersten Telefonats hatte mich Herr Albrecht über die kritische Haltung der Liga gegenüber der israelischen Regierung in Kenntnis gesetzt. Eine entsprechende Haltung gegenüber Israel ist sehr schwierig, vor allem wenn sie in Europa formuliert wird. Ich kenne die Konfliktsituation innerhalb Israels und ich kenne die damit verbundenen Emotionen. Wer in einer solchen Situation auch noch Angehörige verloren hat und seit der Volljährigkeit regelmäßig Militärdienst leisten muss, kann wohlwollende Ratschläge aus dem Ausland nur schwerlich als kompetent und freundschaftlich einschätzen (was tatsächlich auch nicht immer den Tatsachen entspricht). Palästinensische Flüchtlinge haben ein Anrecht auf internationale Unterstützung –aber sollte man sich nicht ehrlicherweise fragen, ob das Interesse an der Situation der äthiopischen oder afghanischen Bevölkerung und den politischen Umständen als deren Ursache ebenso ausgeprägt ist? Wie steht es mit Libyens Bevölkerung? Ich versuche nicht mehr oder minder offensichtliche Missstände zu rechtfertigen. Ich hinterfrage lediglich deren Priorisierung. Es ist schwer politische und soziale Missstände nach deren Schweregrad zu beurteilen. In einigen Ländern werden Friedensaktivisten oder Pressevertreter verfolgt, in anderen Ländern reicht es schon den falschen Nachnamen zu tragen um Opfer politisch-motivierter Anschläge zu werden. Natürlich macht es einen Unterschied ob einer Person aufgrund ihrer politischen Haltung nachgestellt wird oder ob systematisch Bevölkerungsgruppen verfolgt werden.

Deutschland steht in der internationalen Verantwortung die Rechte der Völker und die Rechte einzelner Personen zu verteidigen. Diese Pflicht steht in einem Spannungsverhältnis zur nationalen Souveränität ausländischer Regierungen denen Übertretungen vorzuwerfen sind. Die Waren israelischer Siedler zu boykottieren wäre ein meiner Meinung nach falscher Ansatz. Wichtig ist es, demokratische Strukturen zu unterstützen, nationale Friedensbewegungen und Vereinigungen zu unterstützen und wirtschaftlichen, sozialen und politischen Missständen nachhaltig entgegenzuwirken. Kritik sollte geäußert werden wo sie angebracht ist ohne möglichen Freunden und Verbündeten einen falschen Eindruck der eigenen Absichten zu vermitteln. In Israel gibt es eine sehr starke Friedensbewegung und zahlreiche jüdische Israelis treten für die Rechte der Palästinenser ein. Wenn man diese Bewegung international unterstützt, hilft man der arabischen und der jüdischen Bevölkerung und unterstützt den Friedensprozess. Denn eine anhaltende Konfliktsituation richtet sich in erster Linie gegen die Interessen der israelischen Zivilbevölkerung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.