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Ein Käfig voller Narren – eine einzige Katastrophe

Juni 29th, 2009 · Keine Kommentare

Die Nakba, arabisch für Katastrophe, scheint für viele Israelis ein rotes Tuch zu sein. Während das Land jedes Jahr im Mai voller Stolz und Freude den Unabhängigkeitstag feiert, finden am 15. Mai Veranstaltungen und Demonstrationen zum Gedenken an die Nakba statt – die Flucht und Vertreibung der Palästinenser im Jahre 1948. Palästinenser tragen überdimensionale Schlüssel als Symbol der Erinnerung an ihre Häuser, aus denen sie geflohen sind.
Der israelische Außenminister Avigdor Lieberman und seine rechts-nationalistische Partei ‘Israel Beitenu‘, hebräisch für ‘Israel unser Haus’, haben einen Nakba-Gesetzesvorschlag auf den Tisch gebracht, der sowohl in der Regierung als auch in der israelischen Bevölkerung zur Zeit für Wirbel sorgt.
Dem ersten Entwurf zufolge sollten all diejenigen, die sich anmaßen, den Tag der israelischen Staatsgründung und Unabhängigkeit (14.Mai.1948) als Nakba, als Tag der Trauer, zu bezeichnen und ihn als solchen zu begehen, mit einer Haftstrafe bis zu drei Jahren bestraft werden.
Zwischen der palästinensischen und israelischen Geschichtsschreibung bestehen große Unterschiede hinsichtlich der Definition und Einschätzung der Ereignisse von 1948.
Vereinfacht dargestellt: Während die Palästinenser die damaligen Ereignisse als Katastrophe bezeichnen, spricht die israelische Geschichtsschreibung von einem freiwilligen Verlassen des Landes. Die Entscheidung der Palästinenser, sich den fünf arabischen Staaten (Ägypten, Jordanien, Libanon, Syrien und der Irak) anzuschließen, um Israel direkt nach seiner Staatsgründung anzugreifen, das jüdische Volk zu vernichten, ‘die Juden ins Meer zu werfen’, sei eine politische Entscheidung gewesen, die nun mal ihren Preis fordere – die Palästinenser seien ihres eigenen Glückes Schmied, so lautet der Tenor.

Alex Miller, Initiator des Gesetzesentwurfs, ist sichtlich betroffen. Wie kann es angehen, dass während das jüdische Volk Freudentänze aufführt, ja aus dem Freudentaumel gar nicht mehr heraus kommt, vor positiver Energie nur so strotzt, die arabische Bevölkerung statt mitzuschwingen es vorzieht, sich in Trauer zu hüllen, wo doch ‘alle Bürger des Staates gleiche Rechte genießen, gleichzeitig aber die Gründung des Staates betrauern. Wenn wir wirkliche Koexistenz erreichen wollen, muss dieses absurde Theater aufhören’, sagte er gegenüber der Jerusalem Post.
Wie zu erwarten stieß der Gesetzesentwurf prompt auf große Ablehnung.
Isaac Herzog, Shalom Simhon und Avishai Braverman, Abgeordnete der Arbeitspartei, kritisierten diesen Gesetzesentwurf in einem Appell und betonten, dass ein Vorschlag dieser Art eine Einschränkung der Meinungsfreiheit darstelle, und zur Entfremdung zwischen der israelischen und arabischen Gemeinschaft beitrage.
Erziehungsministerin Yuli Tamir, Abgeordnete der Arbeitspartei, sagte dem Armeeradio, dass ‘diese Vorschläge nur dazu dienen, Unruhe in der israelisch-arabischen Gemeinschaft, Konfrontationen und eine Welle des Hasses und der Gewalt hervorzurufen, die die Partei ‘Unser Haus Israel’ stärken und legitimieren sollen.’
Sami Michael, Leiter der Vereinigung für Bürgerrechte in Israel erklärte gegenüber Yedioth Ahronot, dass, die Erinnerung an die Nakba keineswegs die Sicherheit Israels bedrohe und ein legitimer Ausdruck von Gefühlen sei, die einzelne oder ein ganzes Volk empfinden.
Nicht einmal eine Woche verging und der Kabinettssekretär Zwi Hauser legte Ende Mai eine überarbeitete Fassung der Nakba-Gesetzes-Initiative der Knesset vor. Demnach sind Aktivitäten, die die Etablierung des israelischen Staates als Katastrophe begehen, nicht verboten. Institutionen, die eine solche Aktivität aber unterstützen, werden keine staatliche Förderung erhalten.
Er führte aus, dass es nicht darum ginge, die Meinungsfreiheit von Palästinensern in einem demokratischen Land einzuschränken, sondern das Recht des israelischen Staates, keine staatlichen Gelder für Aktivitäten auszugeben, die dessen Existenz als Katastrophe bezeichnen.

So obskur und beschämend dieser Gesetzentwurf auch ist, man sollte ihm hinsichtlich seiner Umsetzung nur bedingt Bedeutung beimessen, denn bis diese Rechtsvorschrift Gesetzeskraft erlangt, muss sie zunächst drei Lesungen in der Knesset passieren. Der Gesetzentwurf kann verändert, für ungültig erklärt werden; und wie es sich bereits in diesem Fall abzeichnet, stößt der Entwurf sowohl innerhalb der Rechtskoalition als auch in der Opposition auf harsche Kritik.
Als positiver Effekt kann vermerkt werden, dass mit diesem Gesetzvorschlag ein Diskurs in Gang gesetzt wurde, der das öffentliche Bewusstsein erreicht hat.

Nakba ist kein obszönes Wort

In diesem hoffnungslos verworrenen Dickicht, sollte das Augenmerk zur Abwechslung auf diejenigen gerichtet sein, die sich trotz kultureller Unterschiede und Lebensläufe um den Dialog bemühen und ein gleichberechtigtes Nebeneinander herbeisehnen.
In Verbindung mit dem Nakba-Gesetzentwurf darf hier die Organisation Zochrot, hebräisch für ‘Erinnern’, die in Tel Aviv 2002 gegründet wurde, nicht unerwähnt bleiben. Ihre Mitglieder, Unterstützer, Zuhörer, Interessenten haben erkannt, dass Distanz, tiefes Misstrauen, Angst, Schuldzuweisungen, das sture Beharren auf dem eigenen Opferstatus letztendlich nur als idealer Nährboden für den Kreislauf der Gewalt auf beiden Seiten dient. Zochrot hat sich zum Ziel gesetzt, die Nakba ins öffentliche Bewusstsein der israelisch jüdischen Gesellschaft zu bringen.
Zum Gesetzesvorschlag sagt Eitan Bronstein, Gründer von Zochrot dass, ‘der Vorschlag, juristisch die Gedenkveranstaltung der Nakba an Israels Unabhängigkeitstag zu verbieten, die wachsende Beklemmung in Israel widerspiegele über die unvermeidliche Begegnung mit der palästinensischen Nakba und dem Verständnis, dass die Nakba ein grundlegender Teil der israelischen Identität ist. Bis vor kurzem konnte man die Bedrohung der Nakba kaum spüren. Es bestand keine Notwendigkeit, diesen verdrängten Dämon zu bekämpfen, der sich plötzlich offenbaren und die scheinbare Ruhe einer harmonischen jüdischen Demokratie unterbrechen könnte. Die Nakba ist jedoch weder ein Dämon noch ein Resultat einer blühenden Fantasie. Daher sollte man auch die Herausforderung nicht unterschätzen, die sich der israelischen Gesellschaft stellt: Nämlich das Anerkennen, dass Israel 1948 an der Vertreibung der meisten palästinensischen Einwohner beteiligt war, an der Zerstörung zahlreicher palästinensischer Orte (über 500), der Vernichtung der städtischen palästinensischen Kultur sowie unzähliger Massaker, Vergewaltigungen, Plünderungen und Enteignungen. Man braucht Mut und Reife, in einen derart dunklen Spiegel zu schauen wie dies die Wissenschaftler Morris, Gelber, Milstein, Khalidi, Pappe und andere mit ihren Nachforschungen getan haben, ebenso Netiva Ben Yehuda und Yosef Nahmani mit ihren Tagebüchern…’

Zochrot dokumentiert und thematisiert Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der palästinensischen Nakba. Sie ist darum bemüht diese anhand  Fotografien, Texten, Berichten, Gesprächen, Dokumenten, Karten etc. sichtbar zu machen, Tabuthemen und Konventionen zu brechen, um einen Umdenkungsprozess in der jüdisch-israelischen Gesellschaft in Gang zu setzen, die dieses Kapitel der Geschichte aus ihrem kollektiven Gedächtnis eliminiert hat.
Die Mitglieder von ‘Zochrot’ veranstalten regelmäßige Exkursionen und begeben sich auf historische Spurensuche zu den nicht mehr existierenden arabischen Dörfern. Palästinensische Zeitzeugen begleiten diese Touren und berichten über die damaligen Geschehnisse. Gedenktafeln werden in den jeweiligen Orten angebracht, um an die alten arabischen Dorfnamen zu erinnern, welche jedoch von den Bewohnern innerhalb kürzester Zeit entfernt werden.
In den Büroräumen von ‘Zochrot’ in der Ibn Gvirol Straße finden Veranstaltungen, Diskussionen und Ausstellungen statt. Dem Interessenten steht umfangreiches Informationsmaterial zur Verfügung
Eitan Burnstein sagt, dass sich ‘ in den letzten Jahren Hunderte Israelis an ‘Zochrot’ gewendet, und um Informationsmaterial gebeten haben. Journalisten, Schriftsteller, Architekten sowie Menschen aus dem Film-, Fernsehen- und Theaterbereich, die mit der guten alten israelischen Geschichtsschreibung aufwuchsen, sind nun darum bemüht die verdrängte Vergangenheit dieses Kapitels aufzuarbeiten. Lehrer interessieren sich für das von Zochrot entwickelte Unterrichtsmaterial über die Nakba. Soldaten der Palmach wenden sich an Zochrot, um darüber zu berichten was sie 1948 sahen.’

Die Organisation entwickelte in Zusammenarbeit mit Lehrern sowie Hochschullehrern über einen Zeitraum von drei Jahren das Lehrpaket zur Nakba für Schüler ab 15 Jahren.
Die dreizehn Lerneinheiten beinhalten unter anderem eine Darstellung der palästinensischen Gemeinden vor und nach 1948, eine Einführung in die Geschichte der Nakba, die palästinensische Flüchtlingsfrage – das ‘Rückkehrrecht’, literarische sowie persönliche Ansichten der Nakba.
Im letzten Kapitel wird der Frage nachgegangen, auf welche Art und Weise dieses geschichtliche Kapitel aus dem öffentlichen Diskurs ausgegrenzt wurde und wie eine Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern möglich ist.
Das modulare Lehrprogramm ist so konzipiert, dass es Lehrern aus unterschiedlichen Fachbereichen ermöglicht das Material in ihrem jeweiligen Unterricht anzuwenden.
Laut Amaya Galili, die maßgeblich am Nakba-Lehrpaket beteiligt war, wird das Unterrichtsmaterial von einigen Lehrern bereits im Unterricht eingesetzt, auch wenn das Bildungsministerium noch nicht grünes Licht gegeben hat.
In der Auseinandersetzung mit diesem geschichtlichen Kapitel sieht sie eine wichtige Voraussetzung für Verständigung, aus dem Vertrauen und Versöhnung erwachsen kann, ohne das ein gleichberechtigtes, friedliches Zusammenleben keine Chance hat.

Ich ging wenige Jahre auf die israelische Schule. Weder in der Schule noch zu Hause war Nakba ein Thema. Der Araber war der Feind, das Wesen, das ‘mit Vorsicht zu genießen’ sei. Israel, ein kleines Land, nur von Feinden umgeben. Schon ein Tag nach der Gründung wurde das Land von seinen arabischen Nachbarstaaten angegriffen. Es galt das Überlebensprinzip und daran hat sich bis heute nichts geändert. Israel ist stets in Kampfstellung. Die Auswirkungen des endlos wiederholten Mantras ‘Selbstverteidigung’ zeigen sich in allen denkbaren Nuancen. ‘Der Krieg gegen den Terror’ ist zu einem Bumerangeffekt mutiert, der schon längst das zivile Leben der israelischen Gesellschaft durchdrungen und geprägt hat – eine Gesellschaft, die in einem kollektiven Dilemma steckt.
Nakba war nie ein Thema in Israel, sondern der Holocaust, und das von Kindesbeinen an. Ein traumatisiertes Volk hat das Land aufgebaut, in einer kurzen Zeitspanne Unglaubliches erreicht, aber leider auch vieles zerstört.
Die vielen Kriege haben dieses Land geprägt. Der Sechs-Tage-Krieg hat den Menschen ein irreales Gefühl der Macht verliehen und an grenzenlose Fähigkeiten glauben lassen.
Es ist somit nicht verwunderlich, dass die Armee, der militante Geist, allgegenwärtig ist und sich in der Politik als auch in der Gesellschaft breit macht.

This is not a love song

In der Tat, alle in Israel bedauern die Situation des palästinensischen Volkes, aber was will man machen, wenn die Araber die Existenz Israels verdammt nochmal nicht anerkennen wollen ??? Wem und was soll man trauen ??? Wie soll man hier eine Begegnung auf gleicher Augenhöhe anstreben, mit wem, warum und überhaupt ??? Und haben Sie schon vergessen, dass … und dies .. ??? … ???
Verzeihen Sie mir diesen emotionalen, unangemessenen und ganz unerwarteten Ausbruch, aber diese Fragen, man könnte sie auch Totschlagargumente nennen, höre ich auf die eine oder andere Weise seitdem ich auf dieser Welt weile, ich meine mich zu erinnern, sogar schon zuvor, also, bevor ich das Licht der Welt erblickte.

Der US-Publizist Charles Krauthammer formulierte es in der Washington Post von 05.06.09 so: ‘… In seiner groß angekündigten Rede an die islamische Welt in Kairo erklärte Obama, dass die ‚Situation’ der Palästinenser ‚inakzeptabel’ sei. Sie ist es in der Tat, das Ergebnis von 60 Jahren palästinensischer Führung, die ihrem Volk Korruption, Tyrannei, religiöse Intoleranz und erzwungene Militarisierung verschafft hat; einer Führung, die seit drei Generationen jedes Angebot von Unabhängigkeit und Würde ablehnt und eher Elend und Verzweiflung wählt als irgendein Abkommen zu akzeptieren, das nicht von der Auslöschung Israel begleitet ist…’

Sicherlich sind diese Aussagen nicht aus der Luft gegriffen. Wenn man sich jedoch den jetzigen israelisch-palästinensischen Konflikt anschaut, Prognosen anhand des Ist-Zustands in der Region anstellt und formuliert, so kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass Charles Krauthammers Argumentationsgrundlage sich einer verzerrten Wahrnehmung bedient, die einzig und allein zum Ziel hat, den israelisch-palästinensischen Konflikt am Leben zu erhalten. Wenn auch tief bedauert und betrauert, rechtfertigt sie die Tatsache, dass notgedrungen physische wie imaginäre Mauern als einzige Lösung des Konflikts angesehen werden können.

Israels Premierminister Binyamin Netanyahu hatte an der Bar-Ilan-Universität in Ramat Gan, in der Nähe von Tel Aviv am 14. Juni seine mit Spannung erwartete Grundsatzrede gehalten, in der er die Grundzüge seiner Außenpolitik dargelegte. Auch er brachte unmissverständlich zum Ausdruck, dass niemand in Israel einen Krieg möchte, ‘… ich kenne das Gesicht des Krieges. Ich habe Schlachten erlebt. Ich habe enge Freunde verloren. Ich habe einen Bruder verloren. Ich habe den Schmerz trauernder Familien gesehen. Ich will keinen Krieg. Niemand in Israel will Krieg.
Aber:
‘… 1947, als die Vereinten Nationen den Teilungsplan für einen jüdischen und einen arabischen Staat vorschlugen, wies die gesamte arabische Welt die Resolution zurück. Die jüdische Gemeinschaft hieß sie im Gegensatz dazu mit Jubel und Tanz willkommen. Die Araber wiesen jeden jüdischen Staat zurück, in jedweden Grenzen.
Diejenigen, die denken, dass die andauernde Feindschaft gegen Israel ein Produkt unserer Präsenz in Judäa, Samaria und Gaza ist, verwechseln Ursache und Wirkung. Die Angriffe gegen uns begannen in den 1920er Jahren, eskalierten in einem umfassenden Angriff nach der Unabhängigkeitserklärung Israels, gingen weiter mit den Fedayeen-Attacken in den 1950ern und kulminierten 1967, am Vorabend des Sechs-Tage-Krieges, in einem Versuch, eine Schlinge um den Hals des Staates Israel zuzuziehen. All dies geschah innerhalb von fünfzig Jahren, noch bevor ein einziger israelischer Soldat jemals Judäa und Samaria betreten hat.

Viele gute Leute haben uns erzählt, dass ein Rückzug aus den Gebieten der Schlüssel für einen Frieden mit den Palästinensern sei. Nun, wir haben uns zurückgezogen. Aber tatsächlich wurde jeder Rückzug mit massiven Terrorwellen beantwortet, mit Selbstmordattentätern und Tausenden von Raketen.


Wir haben jeden letzten Zentimeter des Gaza-Streifens geräumt, wir haben Dutzende von Siedlungen ausgerissen und Israelis aus ihren Häusern vertrieben, und als Antwort haben wir einen Hagel von Raketen auf unsere Städte und Kinder erhalten.
Die Behauptung, dass territoriale Rückzüge zum Frieden mit den Palästinensern führen werden, oder zumindest den Frieden fördern, hat bisher dem Test der Realität nicht standgehalten. Darüber hinaus, erklären die Hamas im Süden ebenso wie die Hisbollah im Norden wiederholt ihre Verpflichtung, die israelischen Städte Ashkelon, Be’er Sheva, Akko und Haifa zu ‚befreien’.
Territoriale Rückzüge haben den Hass nicht vermindert, und zu unserem Bedauern sind palästinensische Gemäßigte bislang nicht bereit gewesen, die einfachen Worte zu sagen: Israel ist der Nationalstaat des jüdischen Volkes, und so wird es bleiben.
…’

Dass Institut für nationale Sicherheitsstudien veröffentlichte am Vorabend der Rede von Ministerpräsident Binyamin Netanyahu, dass die große Mehrheit der israelischen Öffentlichkeit die ‘zwei Staaten für zwei Völker’ als einzig gangbare Lösung erachtet ( 2007 sprachen sich 63% der Befragten dafür aus, 2009 64% ).
Auf der anderen Seite befürworten nur 18 % der jüdischen Israelis einen direkten oder indirekten Dialog mit der Hamas. Dabei ist nur ein Drittel für einen Sturz der Hamas, „selbst auf dem Wege einer Besetzung des gesamten Gaza-Streifens“. Die verbliebenen 50 % unterstützen die Abschreckung der Hamas durch eine Militäroperation in Gaza (38%) oder die Fortsetzung der Blockade (10%).

Die Vision von zwei Völkern, die frei Seite an Seite leben, in Freundschaft und gegenseitigem Respekt, wie es sich Israels Premierminister Benjamin Netanjahu wünscht, ist in Anbetracht der Faktenlage, den Bedingungen und Zugeständnissen weiter denn je davon entfernt auch nur nennenswerte Fortschritte in dieser Richtung zu machen und den Konflikt aus einer radikalen anderen Perspektive zu betrachten, sich die Frage zu stellen, ob und inwieweit die eigene Wahrheit wahrer ist als die des Gegners.
Wenn Respektlosigkeit, Arroganz, Ignoranz, Demütigung, Missachtung allgemeiner Menschenrechte, Entwürdigung, Misstrauen, Angst, Verunsicherung, Brutalität an der Tagesordnung sind, entbehrt jede noch so blumige, romantische, leidenschaftliche, verheißungsvolle Botschaft des friedlichen Dialogs ihrer Grundlage.
Die Kluft zwischen Palästinensern und Israelis wird mit allen denkbaren Mitteln ins Unermessliche getrieben. Am Ende ist nur ein Horrorszenario vorstellbar, von dem der Staat Israel nicht verschont bleiben wird.
Die israelische Politik scheint von einem Wahn getrieben zu sein, eine grundlegende Veränderung ist nicht abzusehen. Wozu denn auch, hat nicht David Ben-Gurion gesagt, ‘es ist nicht wichtig, was die Gojim (Nichtjuden) sagen. Wichtig ist, was die Juden machen.’
Damit die Welt weiter in die Irre geführt wird, sucht man mit einer peinlichen, nervigen akribischen Genauigkeit nach Fehlern, die sich an das auserwählte Volk richten, damit man lauthals rufen kann, ‘die Welt ist gegen uns’.
Ob man sich dabei lächerlich macht oder nicht – wenn interessiert es schon?
Schmollen auf höchstem Niveau ist angesagt und ein paar Trumpfkarten hat man ja sowieso immer parat.

Die Entwicklungen haben in den letzten Jahren erschreckende Ausmaße angenommen. Auch wenn sich meine Kritik ganz bewusst an Israel richtet, darf der andauernde, ungelöste innerpalästinensische Konflikt, der auch ein Kernproblem bei allen friedlichen Bemühungen bildet und unter dem das palästinensische Volk seit Jahrzehnten zu leiden hat, nicht in Vergessenheit geraten und unterschätzt werden. Es ist höchste Zeit, dass seitens der palästinensischen Regierung alle Anstrengungen unternommen werden, politische, gewaltlose Strategien zu entwickeln.
Auf der ‘anderen Seite’ wachsen Generationen heran, die isoliert und abgeschnitten von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen, und von einer geistigen und materiellen Armut umgeben sind. Sie sind Gewalt und Schikanen ausgesetzt und kennen ‘die Nachbarn’, ein paar Kilometer entfernt nur als Besatzer und Unterdrücker.
Eine Lösung für die Menschen dort ist aber nur realisierbar, wenn sich parallel zu den Bemühungen auf palästinensischer Seite die israelische als auch die internationale Politik ganz grundlegend verändert.

Die Rede von Israels Premierminister Binyamin Netanyahu hat deutlich gemacht, dass die palästinensische Seite aufhören sollte nach den Sternen zu greifen, um immer wieder vom Neuen darüber erstaunt, verärgert, enttäuscht zu sein, dass sich mit der israelischen Regierung keine ganzheitliche Lösung erzielen lassen wird.
Die Zweistaatenlösung bleibt zum jetzigen Zeitpunkt eine Fatamorgana und kann in der sich zuspitzenden Situation nicht herbeigezaubert werden. Aus gegenseitiger Angst und wechselseitigem Misstrauen heraus, kann kein nachbarschaftliches, friedvolles Zusammenleben erwachsen.

Wie kann der Teufelskreis in dieser Region mit aller Konsequenz durchbrochen werden?
Eine wirksame Alternative zur Politik des Krieges entsteht womöglich durch den Teil der Bevölkerung, der sein Schicksal selbst in die Hand nimmt, der schon längst erkannt hat, dass der Nahostkonflikt militärisch nicht zu lösen ist, und nur zu mehr Rücksichtslosigkeit, Grausamkeit und blindem Gehorsam führt. Diejenigen, die erkannt haben, dass Sicherheit durch Stärke und territoriale Expansion fatale Folgen haben. Die erkannt haben, dass Frieden und Sicherheit, ohne die Anerkennung der legitimen Rechte des palästinensischen Volkes einschließlich eines eigenen Staat nicht zu gewährleisten sind.
Eine solche Bewegung, die vom Volk ausgeht und die Massen mobilisiert, kann natürlich nur eine jüdisch-arabische Bewegung sein. Der Moment eines solch historischen Ereignisses, der einen deutlichen Wendepunkt in der Region auslösen würde, ist leider noch nicht erreicht.


Tel Aviv, März 2009

weitere Informationen:

Eitan Bronstein stellt zu Beginn des Beitrags die Arbeit von Zochrot vor:

‘Al Nakba’ – die palästinensische Katastrophe – Beitrag vom 26.02.2009 Dauer 43:50

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