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Vier Häuser und eine Sehnsucht

August 27th, 2009 · 1 Kommentar

Im Rahmen der jüdischen Kulturtage, die vom 29. August bis 6. September 2009 in Berlin stattfinden, werden unter dem Schwerpunkt ‚Jüdische Literaturen’ am 1.September zwei israelische Autoren, Nevo Eshkol, Jahrgang 1971 mit dem Roman ‚Vier Häuser und eine Sehnsucht’ und Assaf Gavron, Jahrgang 1968, mit ‚Hydromania’ dem interessierten Publikum vorgestellt.

Rezension: ‘ Vier Häuser und eine Sehnsucht’
Der Roman spielt in der Zeit vor und nach der Ermordung Yitzhak Rabins im Jahre 1995, als Selbstmordanschläge das Land erschüttern, die große Hoffnung auf Frieden in weite Ferne rückt, sich tiefe Trauer, Hoffnungslosigkeit, Angst, Zweifel und Resignation in Israel breit machen.
Vor diesem Hintergrund erzählt der Roman vom Leben und Alltag verschiedener Menschen in vier Häusern, welche in einem Vorort von Jerusalem, Maos Zion, auch Castel genannt, leben.
Im Erdgeschoss eines alten verwinkelten Gebäudes beziehen Noa und Amir ihre erste gemeinsame Wohnung. Noa studiert in Jerusalem Fotografie, Amir in Tel Aviv Psychologie. Die anfängliche Euphorie und hemmungslose Leidenschaft droht durch ihre räumliche Nähe zu ersticken. Ihre Vermieter nebenan, ein junges Ehepaar mit zwei Kindern, Sima ist Hausfrau, Moshe Busfahrer, sind glücklich verheiratet. Ihre Ehe gerät jedoch ins Wanken als Moshe zunehmend Religiosität entwickelt.
Durch eine kleine Klappe in der Wand des Badezimmers müssen Noa und Amir ihre Hand führen, um bei Sima und Moshe den Heißwasserboiler an- bzw. abzustellen. Durch diese Öffnung in der dünnen Rigipswand dringen auch allerlei Geräusche und Gerüche, die abwechselnd auf die eine oder andere Art die Sinne der vier Beteiligten ansprechen.
Im Haus gegenüber trauert eine Familie um den im Libanon gefallenen Sohn Gidi. Jotam, ihr jüngster und nun einziger Sohn, sehnt sich nach seinem Bruder und zugleich nach den Eltern, die sich von der Welt abkapseln und vom Schmerz so eingenommen sind, dass sie nicht wahrnehmen, wie er unter der erdrückenden Stimmung leidet.
Auf einer Baustelle unweit des Hauses erkennt Ssadeq, ein arabischer Bauarbeiter, im alten Gebäude das Haus seiner Kindheit, aus dem die Familie 1948 vertrieben wurde.
Castel war vor der israelischen Staatsgründung ein palästinensisches Dorf. Seine Mutter besitzt noch immer den Schlüssel zu jenem Haus, aus dem sie damals geflohen sind.
Die Sehnsüchte, Konflikte, Situationen, die sich innerhalb der einzelnen Häuser abspielen, lassen neue Beziehungsgeflechte der sechs Protagonisten entstehen.
Auf einfühlsame Weise verleiht der Autor, Nevo Eshkol, jedem dieser Charaktere eine eigene, unverwechselbare Stimme. Zu dieser Vielfalt gesellt sich der Erzähler, der, in der Übersetzung dargestellt durch rhythmisch anmutende Verse, das Geschehen kommentiert.
Kaleidoskopartig fließen die Geschichten der sechs Charaktere ineinander über und geben einen Einblick in einen Mikrokosmos der israelischen Gesellschaft.
‚Vier Häuser und eine Sehnsucht’ erschien 2004 in Israel und stand monatelang auf der Bestsellerliste.

Passend zu ‘Tel Aviv – Sequenzen’ ein Auszug aus dem Buch:

Mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Taschenbuch Verlags
Aus: Eshkol Nevo, Vier Häuser und eine Sehnsucht. Roman. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer (c) dtv 2007.

Tut mir leid, ich schaff es einfach nicht, mich in diese Stadt zu verlieben. Die ganzen Bauhaus-Häuser berühren mich nicht. Mir bleibt nicht der Atem weg, wenn ich ein Tal oder einen Berg sehe, denn so was gibt es hier nicht. Es gibt kein himmlisches und kein irdisches Tel Aviv, es gibt einfach bloß Tel Aviv. Und es gibt keine Straßennamen wie Geistertal oder Abessinierstraße. Und es gibt keine jahrtausendealte Stadtmauer, hinter der sich wer weiß wer versteckt. Es ist höchstens eine Pose, die gerade mal einen Tag alt ist. Hier siehst du keine Araber, keine schwarzgekleideten orientalischen Frommen, keine Armen, keine Waiseneltern und keine Kinder in Jotams Alter.
In meinen ersten Tagen in Jerusalem dagegen war ich mir wie an Purim vorgekommen:Alle sahen aus, als wären sie verkleidet: Die schwarzweißen Kaftanfrommen in ihrem Pinguin-Outfit; die frommen Frauen, deren Weiblichkeit aus den enggeschnürten Kleidern zu platzen droht, die jungen Amis, die im Sommer die Fußgängerzone überfluten, mit englisch bedruckten T-Shirts und viel zu weißen Beinen; die Weicheier von der Cinémathèque, in karierten Hemden, mit diesem ach-so-ernsten Blick, der einfach nicht echt sein kann; die Prolls mit dem unsäglichen Gel im Haar; die Grenzpolizisten in ihren enganliegenden Uniformen; der Jemenite vom jemenitischen Falafelstand.
Und hier – gehst du drauf vor Homogenität. Alle versuchen, besonders zu sein, aber irgendwie kommt es ihnen doch immer ähnlich raus.Als gäbe es einen geheimen Code, dem alle folgen. Als gäben dir die Leute vom städtischen Ordnungsdienst einen Strafzettel, wenn du dich mal ein bißchen passé anziehst. Und das ist nicht nur mit der Kleidung so. Wo du auch hingehst, hörst du dieselbe Musik, vom selben pseudo-alternativen Radiosender. In den Cafés unterhalten sich die Leute über den Tratsch, den sie in der Stadtzeitung gelesen haben, und fragen einer den andern: »Hast du das gehört?« statt: »Hast du das gelesen?« Und dann die Kellnerinnen – überall der gleiche Blick in den Augen –, sie kommen und bringen die Karte, und die Gäste studieren sie mit einer Aufmerksamkeit, als ginge es um einen Band moderne Lyrik, und dann bestellen sie genau das, was sie sowieso immer bestellen. Und alle sind schwul oder lesbisch oder gerade auf dem bisexuellen Trip. Und natürlich links. So als gäbe es gar keine Alternative. Als wäre die politische Anschauung eben noch ein Kleidungsstück, noch ein Trend, nach dem man sich richten müsse, und nicht etwas Persönliches. (Amir würde jetzt sagen: Man könnte ja grad meinen, daß deine Anschauungen so anders sind.) Stimmt schon,Tel Aviv hat was Bequemes. Ähnlich bequem, wie deinen ersten Freund vom Gymnasium zu heiraten. Keiner hier bedroht dich über die Maßen. Alles ist bekannt und vorhersagbar. Man wird keinen Stein nach dir werfen, wenn du am Schabbat Auto fährst, keiner wird behaupten, daß die Osloer Abkommen ziemlich hoch gepokert sind, und aller Wahrscheinlichkeit nach wirst du auch keinen echten Araber treffen, es sei denn, du fährst dafür extra
nach Jaffa, um sie zu suchen, und auch dann werden sie dir freundlich sambusak verkaufen und nicht im Traum daran denken, am hellichten Tag ins Haus eines Juden einzudringen und eine Wand aufzuklopfen, wie es der Arbeiter von Madmoni getan hat.
Hier in Tel Aviv ist es sicher. Sicher, flach und trüb. Ich laufe schon eine Woche mit der Kamera durch die Straßen und suche nach etwas, was in mir das Gefühl von gelbem Paprika auslöst.
Aber nichts.
(Amir würde jetzt sagen: Suchst du vielleicht nicht an den richtigen Stellen?)
Als ich gestern von einer meiner fruchtlosen Runden zurückkam, traf ich unten am Haus den Typen vom Balkon gegenüber.
Hallo, sagte er in so einem zynischen Ton. Und ich dachte, der kennt mich kaum und ist schon so zynisch?
Hi, sagte ich, und zu meinem großen Erstaunen klang mein Ton genau wie seiner.
Hast du heute was fotografiert? fragte er und zeigte auf die Kamera.
Nein, ich hab nichts Interessantes gefunden, gestand ich und wollte schon gehen.
Hast du einen Blitz? fragte er da plötzlich, mit einer anderen, angenehmen Stimme.
Natürlich,warum? Wenn du einen Blitz hast, kann ich dir einen interessanten Ort zeigen, heute nacht.
Ach . . . weißt du . . . ich war schon dabei, eine Ausrede zu erfinden, aber dann dachte ich mir:Warum eigentlich nicht? Vielleicht fehlt mir ja nur der richtige Führer, um mich für die Stadt zu begeistern. Und bei Tageslicht sah der Typ von dem Balkon eigentlich ganz nett aus.Etwas an seinen Schultern sagte mir, daß ich ihm trauen konnte. Und er war zu klein, als daß ich auf ihn abfahren würde, und das war genau gut so.Außerdem, wie lange konnte ich noch in der Wohnung meiner Tante Ruthi sitzen und Fotoalben anschauen?
Gut, sagte ich,wann treffen wir uns?
Ich rufe dich vom Balkon, so gegen eins.
Ein Uhr nachts?
Was meinst denn du? Ein Uhr mittags? Von welchem Stern bist du denn gefallen?
Vom Castel, wollte ich sagen, ließ es aber.

Categories: Kultur

1 Antwort so far ↓

  • 1 Gabi // Aug 30, 2009 at 10:55

    Das buch scheint interessant zu sein. Ich werde es lesen. Ich bin ein grosser fan israelischer literatur und daher immer auf der suche nach neuen autoren (oder neuen büchern von autoren, die ich bereits kenne und gerne lese). Finde ich gut, dass du hier israelische autoren vorstellst, mach weiter so :-)

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